die großen Vorträge - 27. Oktober 2022

Francis Kéré, Pritzker-Preis 2022

Foto: © Daniel Schwartz

 

« Jeder verdient Qualität, jeder verdient Luxus, und jeder verdient Komfort »[1] – Diébédo Francis Kéré

 

 

Francis Kéré: Für und mit der Gemeinschaft und den lokalen Gegebenheiten bauen

 

Am 15. März 2022 wurde dem in Burkina Faso geborenen und von Berlin aus arbeitenden Architekten Diébédo Francis Kéré der renommierte Pritzker Preis von einer unabhängigen Jury, geleitet durch den chilenischen Pritzker-Preisträger von 2016, Alejandro Aravena, verliehen. Er tritt damit die Nachfolge der Franzosen Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal an, die 2021 gekürt wurden. Das Europäische Architekturhaus hatte die Ehre, Anne Lacaton anlässlich der Abschlussveranstaltung der Architekturtage 2021 empfangen zu dürfen. Für die Ausgabe 2022 des Festivals haben wir Francis Kéré, den ersten afrikanischen Architekten, der den Pritzker-Preis verliehen bekommt, für unser Festival eingeladen und freuen uns über seine Zusage.

 

Francis Kéré zeigt uns, dass Architektur an der Bewohnbarkeit der Welt teilhat, indem sie ihren Bewohnerinnen und Bewohnern am nächsten ist. In einer Zeit, in der unsere Art zu bauen und zu wohnen in Frage gestellt werden muss und wir mit unseren eigenen Widersprüchen konfrontiert werden, erscheint die Auszeichnung Francis Kérés, der für und mit der Gemeinschaft und mit den lokalen Ressourcen baut, die wir im Westen als arm bezeichnen, mehr als treffend. Francis Kéré praktiziert Architektur, indem er die Bewohnerinnen und Bewohner aktiv in die Planungs- und Selbstbauprozesse einbezieht, die es der Gemeinschaft ermöglichen, Verantwortung zu übernehmen und sich durch das Wiedererlernen von vernachlässigtem Bauwissen zu behaupten. Dabei geht es nicht um nachhaltige Entwicklung, sondern um eine echte Ökologie.

 

Beim großen Abschlussvortrag der Architekturtage im Straßburger Zénith wird Francis Kéré seine Sicht auf das Thema des Festivals “Architektur und Ressourcen” aus der Perspektive seines Werkes darlegen. Er wird uns mit seinem Wohlwollen, seinem Talent und seinem Enthusiasmus überraschen – alles Qualitäten, die vom Pritzker-Preis anerkannt wurden. Wir möchten Francis Kéré und seine Stiftung Kéré Foundation e.V. unterstützen und starten deshalb einen Spendenaufruf (Crowdfunding).

 

Francis Keré kommt ursprünglich aus Burkina Faso und lebt und arbeitet in Berlin. Er setzt sich stark für verantwortungsvolle und soziale Projekte in Entwicklungsländern ein. Bereits vor dem Pritzker-Preis war er ein mehrfach ausgezeichneter Architekt und erhielt unter anderem den Aga Khan Award for Architecture 2004, den Global Award for Sustainable architecture 2009, den Swiss Architectural Award2010 für den Ausbau einer Schule in Gando, den Marcus Prize for Architecture der University of Wisconsin-Milwaukee 2011 sowie den Holcim Global Award 2012 für sein Projekt eines Gymnasiums in Gando. Er lehrte an der Harvard University, der Technischen Universität München und zuletzt an der Yale School of Architecture und der Bauhaus-Universität in Weimar.

Foto: Leo Doctor’s Housing © Jaime Herraiz

 

Francis Kérés Beginn in Gando und seine zahlreichen Folgeprojekte

 

Francis Kéré wurde 1965 in einem einfachen Dorf, Gando, im östlichen Zentrum von Burkina Faso geboren. ohne den geringsten Komfort, ohne Strom, fließendes Wasser oder Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen wie Bildung oder Gesundheitsversorgung. Als Siebenjähriger geht er als Erster seines Dorfes zur Schule und wird bei einer Pflegefamilie in Tenkodogo untergebracht, das 20 Kilometer von seinem Zuhause entfernt liegt. Im Alter von 17 Jahren kann er dank eines Stipendiums nach Deutschland gehen, um sich zum Tischler ausbilden zu lassen. 1995 erhält er ein Stipendium für die Technische Hochschule in Berlin, die er 2004 mit einem Diplom in Architektur verlässt. In dieser Zeit entsteht auch seine Mission: Er möchte seinem Heimatdorf einen Teil dessen zurückgeben, was er von diesem auf den Weg mitbekommen hat, und zwar in Form von Infrastruktur, die den Einwohnerinnen und Einwohnern dienen soll. So entwirft er die Schule, für die er später berühmt werden sollte, und findet die finanziellen und technischen Mittel, um sie in seinem Heimatdorf Gando zu realisieren. Seitdem engagiert er sich stark für ökologisch verantwortungsvolle und soziale Projekte, die in Burkina Faso und anderen afrikanischen Ländern durchgeführt werden.

 

“Francis Kérés Lebensweg ist schön, simpel. Es ist ein Leben, das wie eine Geschichte gezeichnet ist, und das Respekt und Bewunderung in uns auslöst. Aus seinem Werdegang hat der Architekt eine Poetik und eine Methode entwickelt, die er geduldig im Laufe seiner Erfahrungen und Projekte erarbeitet hat, die ihn von Gando und seinen zahlreichen Projekten in Burkina Faso und anderen afrikanischen Ländern bis zum Entwurf der wunderschönen Pavillons für die Serpentine Gallery führten. Bemerkenswert sind auch die großen, bunten, geometrischen und stilisierten Totem-Bäume, die während des Coachella-Festivals 2019 mitten in der Wüste von Colorado aufgestellt warden: Sarbalé Ke auf Bissa, “Haus des Festes”. Tatsächlich geht von den von Francis Kéré geschaffenen Formen eine Art Feststimmung und Lebenskraft aus. Architektur mit fröhlicher Strenge und überschwänglicher Einfachheit! Man könnte hier noch so viele andere wunderbare Werke nennen: das Gymnasium Schorge, das Xylem, den Nationalpark von Mali, die Gebäude für die Nationalversammlungen von Burkina Faso und Benin, das Start-up Lions Camp, die Schulbibliothek in Gando, das Thomas Sankara Denkmal.“ [2]

 

Francis Kéré nimmt das Beste aus beiden Welten – Afrika, wo er aufgewachsen ist, und dem Westen, wo er lebt -, um einen innovativen und umweltfreundlichen Weg zu beschreiten.

[1] Isabelle Regnier für Le Monde, 15.03.2022 Isabelle Regnier

 

[2] Labbé Mickaël : Faire tenir les siens (et le monde) – Zur Pritzker-Preisverleihung an Francis Kéré, 23.03.2022, AOC, https://aoc.media/critique/2022/03/22/faire-tenir-les-siens-et-le-monde-a-propos-de-francis-kere/

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